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Zum Zoll

Ausstellung
Ausstellung
Zum Zoll

Der ehemalige Gasthof und, wie man auf nachfolgender Ansichtskarte lesen kann: General-Radfahrerstation „Zum Zoll“ von Robert Kasten befand sich im Odorf, wo die Straße von Wasserleben nach Berßel einen rechtwinkligen Knick macht, und ein Weg geradeaus auf den Bahnhofsvorplatz führte.

Links vom Gasthof befand sich die Post und der Bierverlag Karl Bollmann und schräg gegenüber das Beamtenhaus der Eisenbahn.

Die Gaststättehatte wohl deshalb ihren Namen erhalten, weil hier Zoll entrichtet werden mußte, denn Wasserleben gehörte damals zur Grafschaft Wernigerode, das Nachbardorf Berßel zum Kreis Halberstadt. Für fremde Fuhrwerke war hier Zoll zu zahlen oder Maut, wie man heute auch sagen würde.

 

Das Wahrzeichen des Zolleinnehmers war ein großer Schlagbaum, der quer über die Straße reichte. Auf der einen Seite mit einem mächtigen Granitblock beschwert und auf der anderen Seite hing eine Kette, mit der er von der Gaststube aus heruntergezogen werden konnte.

Schlagbaum

Dort befand sich ein kleines Teilfenster. Hielt ein fremdes Fahrzeug oder ein Fuhrwerk an dieser Stelle an, öffnete sich das Fenster und eine lange Stange mit einem Geldempfänger – ähnlich einem Klingelbeutel in der Kirche - wurde von Robert Kasten herausgestreckt. Der Kutscher oder Fuhrmann warf sein Geld hinein und fuhr weiter.

Wie Karl Tornow (†), ein ehemaliger Wasserlebener, in seinen Aufzeichnungen beschrieb, war es Anfang der 20. Jahrhunderts ein besonderes Ereignis, wenn ein Auto kam und bei Robert Kasten an der Zollstelle halten musste.

 

Auto

Danach ging es oft nicht so schnell weiter. Der Motor mußte mit einer Kurbel neu angeworfen werden, und das klappte nicht immer beim ersten mal. Der Chauffeur, in kurzen Pumphosen, mit einer Reisemütze und hochgeschobener Schutzbrille auf dem Kopf, mußte das unter erheblichem Kraftaufwand bewältigen, bevor er seine Fahrt fortsetzen konnte.

 

Zur Zuckerrübenernte kehrten auch die Gutsknechte von den umliegenden Gütern bei Kastens ein um Vesper zu halten, wenn sie von der Zuckerfabrik mit ihren leeren Rübenwagen zurückkamen.

 

Biergarten

 

Robert und Berta Kasten waren Wirtsleute, die allen Anforderungen gerecht wurden.

Sie hatten nicht nur eine Gaststube mit Mittagstisch. An dem gelblich grünen Fachwerkhaus war zu lesen, dass es Logis, Ausspann und Lohnfuhrwerk gab.

Wenn man in die Deele trat, befand sich ganz rechts die große Gaststube und eine Treppe führte in das Obergeschoß mit den privaten Wohn- und Schlafräumen und den Übernachtungsmöglichkeiten.

Grundriss
Baubeschreibung

 Auf der linken Seite des Flures war der Laden, in dem es alles gab, was man auf dem Dorf schnell mal brauchte, eine Art Warenhaus des Dorfes (siehe hierzu die früheren „Kram Buden“ der Gemeindekrüge).

Nach Tornows Aufzeichnungen roch es hier zugleich nach Hering, Petroleum, Schmierseife, sauren Gurken, Huf-Fett, Wachs und Lederfett. In großen Gläsern befanden sich buntfarbene Bonbons, Bolchen genannt.

 Wollte jemand etwas einkaufen, wurde im Flur an einer Stange gezogen, die mittels einer Übersetzung einen Draht zur Küche in Bewegung setzte und ein Klingelton ertönte.

 Nach einer Weile kam Berta Kasten langsam angeschlürft. Sie hatte nämlich die Ruhe weg, sprach sehr wenig, meist gar nichts, und war durch nichts aus der Fassung zu bringen.

Aber sie hielt alles in Ordnung und brachte ein Essen auf den Tisch, das einmalig war, wie es seinerzeit hieß.

 

Robert Kasten war sehr fortschrittlich: er hatte als erster in Wasserleben ein großes Trichtergrammophon, das mit einer Kurbel aufgezogen werden mußte und dann seine schnarchenden und krächzenden Töne von sich gab.

 

Ein zum Grundstück des Gasthofes gehöriger Garten zog sich entlang der Straße nach Berßel  bis zum Bahnübergang, ein hoher Bretterzaun verhinderte, dass man hineinschauen konnte.

Berta Kastens Vater, genannt „de ohle Stein“ betrieb hier eine Gärtnerei mit Gemüseanbau und mustergültigen Spalierobstbäumen, wie sie in Wasserleben einmalig waren. Er versorgte so die Gastwirtschaft mit frischem Obst und Gemüse.

 

Für seinen vielseitigen und umfangreichen Betrieb beschäftigte Robert Kasten auch ein Küchenmädchen und einen Hausdiener, der zugleich als Kutscher für seine Lohnfuhrwerke arbeitete.

 

Robert Kasten verstarb am 11. März 1935 und von da ab führte seine Frau Berta die Geschäfte weiter.

 

1939 stellte ihre Tocher Elli Kasten ein Konzessionsgesuch zur Betreibung des Gasthofes.

 

1950 erfolgte die Grundstücksübertragung an ihre Tocher Elisabeth, genannt Elli, Rudolph, geb. Kasten.

 

Wie lange der Gasthof „Zum Zoll“ von der Familie Kasten betrieben wurde, ist nicht bekannt.

 

Es wird erzählt, dass Bauern, die ihre Zuckerrüben in der Zuckerfabrik Wasserleben ablieferten, noch in den frühen 1950er Jahren bei Kasten einkehrten, um sich zu stärken.

 

Danach folgten einige Gastwirte, die den Betrieb für kurze Zeit weitergeführt haben.

 

Später in den 1960er Jahren wurden die Räumlichkeiten z.B. als Übungsraum für eine Volkstanzgruppe, als Schulhort, für die Unterbringung einer Bibliothek und für kurze Zeit als Jugendclubraum genutzt .

Auch für Familienfeiern konnte Räume gemietet werden.

 

In dem gesamten Objekt gab es insgesamt vier Wohneinheiten und 1975/76 wurde die Gaststube ebenfalls als Wohnraum ausgebaut.

 

Nach einem Umbau in den 2010er Jahren erinnert heute fast nichts mehr an den ehemaligen Gasthof.   

Foto ehem. Gaststätte
Foto heutiges Gebäude

Ingrid Klaus 2018