Kollage b | zur StartseiteKollage f | zur StartseiteKollage g | zur StartseiteKollage d | zur StartseiteKollage a | zur StartseiteKollage e | zur StartseiteKollage h | zur StartseiteKollage c | zur Startseite
  • Link zur Seite versenden
  • Ansicht zum Drucken öffnen
 

Wege- und Ortsnamen in Wasserleben

Zur Geschichte eines Ortes geben die Namen seiner Straßen, Wege und Stege sowie seiner Plätze und Brücken wertvolle Hinweise.

 

 

Namen von Verkehrswegen

 

In der Regel bestehen die Namen von Straßen, Wegen und Stegen aus einem Bestimmungswort und einem Grundwort1)

 

Dabei informiert das Bestimmungswort über

- die Benutzer des Verkehrsweges,

- seinen Zweck bzw. seine Bestimmung,

- seine Bodenbeschaffenheit oder

- seine Höhenlage; ferner über

- die Landschaft, die durchquert wird, und/oder

- die Ziele, die erreicht werden können.

 

Das Grundwort verweist auf die Entstehung und die Bedeutung einer Verbindung.

 

Besonders innerörtlich kamen und kommen häufig Namen ohne Grundwort vor, in Wasserleben beispielsweise Beek, Im Winkel oder Matzhöh.

 

Erste Wegenamen in Wasserleben

 

Seit wann in Wasserleben spezielle Namen für innerörtliche Verkehrsverbindungen oder Plätze in Gebrauch waren, lässt sich heute natürlich nicht mehr sagen.

 

Aber bereits 1482 soll die Schouwenschen Strate erwähnt worden sein2), 1518 der Markweg (uppe den Markwege)3) und der Lösselweg (Lesselwegk) 16054).
 

Weitere frühe Benennungen stammen aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Damals tauchten sie als Zusätze zu Familiennamen auf und ermöglichten auf diese Weise die Unterscheidung namensgleicher Personen.
 

So heißt es in einer Contributionsliste5) von 

1689 Hanß Feuerstacke auffm Rohrstiege, 

in einer Berufsliste6) von

1698 Christian Kuntze hintern Höfen und Christian Kuntze auf dem Klinte

und in den Kirchenbüchern des 18. Jahrhunderts7) von

1703 Lorentz Meyer unten vorm Thore, 

1706 Christian Köhler auff Becke,

1707 Hennig Fahlberg vorm Kruge,

1715 Hans Schmitt von Stigge, 

1719 Hans Nickel auf dem Steinwege,

1738 Lorentz Meyer unten bey der Mühle, 

1742 Hennig Keune in Winkel, 

1759 Christian Retmer auf den Kreyen Höfen, 

1770 Andreas Gehrmann junior oben im Dorffe, 

1784 Heinrich Niehoff vor dem Winckel, 

1784 Jacob Schillig jun. auf dem Weißenberge. 

 

Diese Zusatzbezeichnungen blieben allerdings nicht am Familiennamen haften, sondern verschwanden spätestens in der nächsten Generation wieder. Und in den jüngeren Kirchenbüchern ab dem 19. Jahrhundert fehlen sie dann völlig.
 

Auch in der ersten überlieferten Einwohnerliste Wasserlebens von 18098) werden sie nicht genannt. Dafür erscheinen hier jetzt erstmals Hof- und Hausnummern. Allerdings war die Nummerierung mehr oder weniger willkürlich, ohne ersichtliches Ordnungsprinzip. 

  zum Bevölkerungsetat 1809

 

Zwei Adressbücher vom Anfang des 20. Jahrhunderts listen die Einwohner nach Hausnummern (1905/06)9) oder alphabetisch auf (1912)10).    

   zum Adreßbuch 1905-06

 zum Adreßbuch 1912

 

Straßennamen ab 1971

 

Das Wirrwarr der Hof- und Hausnummern endete 1971.
Den Anlass für die Neubenennung der örtlichen Straßen und die Neunummerierung der Häuser bildete der Beschluss des Staatsrates der DDR vom 16.04.197011), der die weitere Entwicklung der sozialistischen Kommunalpolitik zum Inhalt hatte. 

Alsbald trat auf Veranlassung des Rates der Gemeinde Wasserleben eine Arbeitsgruppe zusammen, die, unterstützt von den Schülern der POS, eine Liste mit den ausgewählten Straßennamen und den neuen und alten Hausnummern erstellte. Die neue Ordnung trat am 01.01.1971 in Kraft.

 

Beschlussvorlage
AG Straßennamen

Wer es genau wissen will, für den sind hier zwei Listen hinterlegt, eine mit den alten und neuen Hausnummern und eine, von Ingrid Klaus erarbeitet, die das Adressbuch von 1912 mit der Situation von 2011 vergleicht.

zu den alten und neuen Hausnummern

zu den Adressen 1912 und 2011

 

 

Namensdeutungen

 

Ein virtueller Spaziergang durchs Dorf, bei dem Reinhild Brüdern 2024 einige wichtige Straßen und Wege vorstellte, ist ein guter Einstieg in dieses Thema.

 

Spaziergang durchs Dorf

Vor dem Tore

   

Abb. 1 - Blick vom Harzberg (Vor dem Tore) ins Dorf, um 1970, 

Foto Heimatverein 

 

 

 

 

Die Straße Vor dem Tore verläuft von der Kreuzung an der ehemaligen Gaststätte Brauner Hirsch bis zum Ortsausgang in Richtung Veckenstedt, wobei sie stetig ansteigt. 

Der Name verweist auf ein südwestlich vom Dorf gelegenes Areal, das noch 1727 als Burgstelle bezeichnet wurde; heute besser bekannt als Knickberg, südlich des Friedhofes. Hier soll die ehemalige Burg Waterler gestanden haben. Die Straße hat möglicherweise ihren Namen erhalten, da sie unmittelbar vor dem Tore der Burg entlangführte.

 

Am Ortsausgang ist sie als Hohlweg ausgebildet. Nehrkorn meinte 1975, dass sie Teil einer längeren Straße gewesen sei, sie „...führte früher von Dardesheim kommend entlang des Scheibeeksweg nach Wernigerode. Die heutige Straße nach Veckenstedt gab es noch nicht, diese verlief am Friedhof vorbei und unmittelbar am Knickberg entlang nach Veckenstedt und Ilsenburg.“1)  

 

 

 

 

 

Markant für die Straße waren auch für eine lange Zeit die drei Linden vor dem Haus der Familie Harz.

Nachdem vor Jahren schon die rechte Linde gefällt wurde, musste 2024 auch die mittlere Linde wegen Trockenheit weichen. 

  

Abb. 2 - Harzberg (Vor dem Tore) Straßenarbeiten in den 1950er Jahren, Foto Heimatverein 

 

Vor Köhlers Hof ist heute noch ein alter Brunnen, der Herborn, vorhanden. „Es ist anzunehmen, dass der Brunnen früher offen war und dass die vorüberziehenden Kaufleute und Krieger ihren Durst hier löschten. Der Name kann nichts anderes als Born an der Heerstraße bedeuten.“2) 

Allerdings ist eine Heerstraße, die hier vorbeigeführt haben soll, unbekannt (siehe Straßen, Wege und Stege in und um Wasserleben).


Literatur

1)

2)

Am Graben

Der Weg Am Graben verbindet den Rohrstieg mit der Straße Vor dem Tore. 

 

 

 

 

 

Der Name, vom althochdeutschen grabo in der Bedeutung von Graben, Furche, Damm, Wall1) bezeichnet eine Verkehrsverbindung, die an einem Graben entlangführt oder ursprünglich ein Graben war. Darauf lässt heute noch das zu beiden Seiten ansteigende Gelände der Gärten von Ehelebes links und Trachts und Borcherts rechts schließen.

   

Abb. 1 - Graben mit Gärten, Foto Privat

 

 

Der Ursprung des Weges liegt möglicherweise schon in frühgeschichtlicher Zeit. Wall und Graben deuten auf eine Stelle hin, auf der einst eine Burg gestanden haben könnte. Eventuell war das die damalige Burg Waterler auf dem Gelände des Knickberges.

Das ansteigende Gelände am Schneibeek stellt einen natürlichen Wall für den Standort der Burg da. Der ihn umgebende Graben und die Ilse auf der anderen Seite boten einen weiteren Schutz vor Angreifern. 

 

  

 Abb. 2 - Ölbeek vom Schneibeek kommend, Foto Privat

 

 

 

Das Gelände am Schneibeek und nördlich bis zu Klaus' Grundstück, ist nach der Überlieferung ehemals ein Sumpfgebiet gewesen. Erst durch die Regulierung des Baches, den Bau des Wildgrabens als Zufluss vom Schneibeek zum Teich und der Anlage ebendieses Teiches als Wassersammelstelle verlandete das Gelände im Laufe der Zeit und machte es so bewohnbar. Hier entstand später die kleine Ölmühle.

 


Literatur

1) http://www.daniel-stieger.ch/flurnamen.htm#g (abgerufen 02.04.2025, 16:30)

Kulk

Der Kulk verläuft entlang des Ölbeeks vom Rohrstieg und der Wernigeröder Straße bis zur Kleinen Dorfstraße.

Im Mittelelbischen Wörterbuch wird unter Kulk auf Kolk verweisen was tiefe Stelle im Bach- oder Flussbett bedeutet1).

Die Erklärungen in Wikipedia würde auf unseren Kulk auch gut zutreffen:

„….. Zum einen handelt es sich um Strudellöcher (sogenannte Auskolkungen) am Grund aktueller oder ehemaliger strömender Gewässer …“2).

 

 Abb. 1 - Erneuerung der Brücke bei Wesches

Foto Ingenieurgesellschaft Damer + Partner

 

 

 

 

 

Wenn man nebenstehende Abbildung betrachtet, kann man sich sicher vorstellen, wie an dieser Stelle früher der Ölbeek seine Auskolkungen hinterlassen hat. Er ist hier vom Schneibeek kommend noch sehr tief und wird erst hinter der Brücke deutlich flacher. 

In den 1960er Jahren waren an Rammes Garten und auf der Seite des Wittenbergs diese Auskolkungen noch zu sehen. 

Sie wurden damals üblicherweise mit Asche und Hausmüll aufgefüllt. 

 

 

   Abb. 2 - Kulk mit großen Linden, Foto Privat 

 

 

 

 

 

 

Im Zuge von Meliorationarbeiten in den 1960er Jahren erhielten die Ufer des Ölbeeks Befestigungen aus Pfählen und geflochtenen Weidenruten, die weitere Auskolkungen verhinderten.

Auch die großen Eschen und Linden befestigen die Ufer.

 

 

„Ilse und Schneibeckebach [!], von Einheimischen „Oelbeek“ genannt, fließen durch Wasserleben. Gemeinsam mit dem Mühlgraben prägen die naturnahen Fließgewässer das Ortsbild. Wo andernorts Brücken über Bäche und Flüsse führen, findet sich in Wasserleben die eine oder andere Furt.“ weiß der Regionalverband Harz auf seiner Homepage zu berichten3).

  Abb. 3 - Furt am Kulk, Einmündung Pappelweg, 

Foto Privat

     Abb. 4 - Furt vom Kulk zum Klint, Foto Privat   

   

Abb. 5 - Furt bei Büttners, Foto Privat 

 

 

 

 

Und wie dort richtig beschrieben, hat der Kulk drei Furten, am Pappelweg, zum Klint und zum Beek sowie drei Brücken, die zwischen Odenbachs und Wesches (Abb. 1), die an der Einmündung des Pappelwegs in den Kulk (Abb. 3) und die vom Kulk zum Klint (Abb. 4). Die Furten und sogar das Bachbett sind gepflastert.

 

Früher standen am Kulk wie auch an anderen Stellen im Dorf, Milchbänke. Hier kamen die Leute abends gerne zusammen um „seck wat te vertellen“. Aber nur tatenlos herumzusitzen, das gab es nicht. Vor allem die Frauen nutzten die Zeit zum Bohnenschnippeln oder Pflaumenaussteinen aber auch zum Flicken und Stopfen.

  Abb. 6 - Alte Milchbank bei Wesches, Foto Privat

 

 

 

 

Die Bank bei Wesches im Giebel des Wohnhauses auf nebenstehender Abbildung ist nicht mehr vorhanden, davor Ernst Erbrecht mit seinem Fuhrwerk, sein Sohn Helmut und links Ernst Simon. Aber bei Erbrechts gegenüber am Ölbeek (Abb. 7 und 8) ist die Milchbank heute mit Tisch und Sitzbänken Treff für die Abendrunden der Anwohner.

  Abb. 7 - Furt vom Kulk zum Klint mit neuer Milchbank, 

Foto Privat

 

 

Abb. 8 - Abendliche Runde der Anwohner auf neuer

 Milchbank, Foto Privat


Literatur

1) Mittelelbisches Wörterbuch, Band 2 (H-O), Spalte 648

2) https://de.wikipedia.org/wiki/Kolk (abgerufen 09.04.2024, 20.53)

3) https://harzregion.de/natur-geoparkorte/details/wasserleben.html (abgerufen 10.04.2024, 14:13)

Klint

Eine der ältesten Bezeichnungen für einen Weg oder eine Straße in Wasserleben scheint der Begriff Klint zu sein. 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Klint verläuft zwischen Kulk und Gartenstraße, zuerst von der Durchfahrt vom Kulk ansteigend, um ab den Höfen von Köhlers und Barners wieder abzufallen. Daher hat er auch seinen Namen.

   

 Abb. 1 - Klint vom Kulk aus gesehen, Foto Privat

 

Denn Klint bedeutet nach dem Mittelelbischen Wörterbuch Anhöhe, kleiner Hügel1). Sprachwissenschaftlich steht das Wort im Zusammenhang mit dänisch/schwedisch „klint“ in der Bedeutung von „steiles Meeresufer, Abhang, Hügel“2).

Historiker wie Edward Schröder und der Namensforscher Werner Flechsig sind der Verbreitung des Namens nachgegangen und haben eine solche von Skandinavien bis zum Nordharz dokumentiert. Ostfalen scheint dabei ein Hauptgebiet des Vorkommens zu sein3).

Wasserleben und Wernigerode wurden in ihren Forschungen erwähnt4).

In Wernigerode gilt der Klint sogar als Ursprung der Stadt, wie man auf der Tafel am Oberpfarrkirchhof lesen kann.

 

Werner Flechsig kommt bei seiner Untersuchung zu der Überzeugung:

„Wenn sich das Namenswort Klint in oder nahe bei solch Siedlungen der ältesten Siedlungsschicht findet, dann war es also schon in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung heimisch, vielleicht sogar bereits vor Christi Geburt“ 

Welcher Volksstamm den Namen aus dem Norden mitgebracht hat, kann Flechsig nicht eindeutig bestimmen. Er hofft, dass Archäologen mit der Erforschung der frühen Besiedlungsgeschichte unserer Region weitere Erkenntnisse liefern können. 

 

Auf dem Klint ist heute zum Teil noch das alte Pflaster aus Feldsteinen erhalten.  

 

Abb. 2 - Klint mit altem Pflaster, Foto Privat

 

 

 

 

Dieses Pflaster wird sogar auf der Homepage des Regionalverbands Harz erwähnt:

„… Pflastersteine, wie sie z. B. im Klint entdeckt werden können, sind hingegen meistens abgerundete Quarzite des Acker-Bruchberg-Zuges im Harz (Unterkarbon vor mehr als 340 Mio. Jahren).“5)

 

Der Klint mit seinem alten Pflaster und seinen Höfen auf beiden Seiten hat wohl auch Filmemachern gefallen. 

Im Film „Ein Dorf schweigt“ von 2008 (ausgestrahlt 2009), der zum Teil in Wasserleben gedreht wurde, läuft die Hauptdarstellerin Katharina Böhm in einer Szene den Klint herunter. Uwe Kockisch war als Pfarrer der andere Hauptdarsteller. Weitere Szenen wurden in der Kirche und auf dem Friedhof aufgenommen6).

 

 

Grüner Klint

Der Grüne Klint ist die östlich parallel zum Klint verlaufende grüne Version als Garten- oder Wirtschaftsweg und überwiegend von Obstgärten gesäumt. 

 

Abb. 3 - Grüner Klint vom Kulk aus gesehen, 

Foto Privat

 

 

 

 

 

Abb. 4 - Grüner Klint mit Obstgärten, Foto Privat

Auf der linken Seite sind meist nur die hinteren Ausfahrten aus den Höfen. Diese brauchte man, da die Höfe oft nicht groß genug waren, um auf ihnen mit den Fuhrwerken zu wenden. Die rechte Seite ist auch heute noch der Zugang zu den Obstgärten. 


Literatur

1) Mittelelbisches Wörterbuch, Band 2 (H-O), Spalte 536 

2) Bischoff, K.: Klint im Deutschen. In: Festschrift für G. Cordes. Bd. 2: Sprachwissenschaft. Neumünster 1976, S.20 ff, Quelle: https://mew.uzi.uni-halle.de/artikel/18312 (abgerufen 10.04.2024, 14:00)

3) Flechsig, Werner: Das Rätsel der Klinte, Ein namenkundlicher Beitrag zur frühen Besiedlungsgeschichte Ostfalens, in: Braunschweigische Heimat, 1958, Jhrg. 44, Heft 2

4) Flechsig, Werner: Das Rätsel der Klinte, Ein namenkundlicher Beitrag zur frühen Besiedlungsgeschichte Ostfalens, in: Braunschweigische Heimat, 1958, Jhrg. 44, Heft 2, S.39, Pkt. 30

5) https://harzregion.de/natur-geoparkorte/details/wasserleben.html (abgerufen 10.04.2024, 14:13)

6) https://de.wikipedia.org/wiki/Ein_Dorf_schweigt (abgerufen 10.04.2024, 14:20)

Wittenberg

 

 

 

Der Wittenberg beginnt an der Wernigeröder Straße und verläuft in Richtung Schneibeek. Auf der linken Seite stehen alte Gehöfte und neue Häuser, auf der rechten Seite am Ufer des tiefliegenden Ölbeeks bis zu Rammes große Eschen. 

Der Weg ist noch mit Feldsteinen gepflastert, wie es in Wasserleben früher üblich war.

Die Bezeichnung „witte Berg“ wurde wahrscheinlich vom hellen Mergel abgeleitet, der in diesem Gebiet häufig zu finden ist. Möglichweise hängt der Name aber auch mit dem sich in der Feldflur anschließenden Schleeberg zusammen, der mit weißblühenden Schlehen bestanden war.

   

Abb. 1 - Wittenberg, gesehen von der Wernigeröder Straße, 

Foto Privat

  

Abb. 2 - Blick vom Wittenberg in die Feldflur zum Schleeberg, links Schlehensträucher, hier war früher die Heinemannsche Kirschplantage, Foto Privat

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Marmelkuhle im Schneibeek, hinter Bollmanns Wiese, wo früher Mergel geholt wurde, war in den 1960er Jahren im Winter eine beliebte Stelle zum Skifahren. Die größeren Jungen bauten hier sogar eine kleine Schanze. Die kleineren Kinder fuhren lieber zwischen den Bäumen von Heinemanns Plantage Schlitten, auch über den Weg bis runter zum Schneibeek.

Überhaupt war der Wittenberg damals der zentrale Spielplatz für die Kinder der näheren Umgebung. Eine Holzbrücke über den Ölbeek zwischen Ballers Sägemühle und Rammes Hof verkürzte dabei immer den Weg. Früher war es einfach üblich, zwischen den Straßen über die Höfe und durch kleine Gartenpforten die Wege im Dorf abzukürzen. Katerstiege wurden diese Abkürzungen auch genannt.

Rohrstieg

    Abb. 1 - Rohrstieg in den 1960er Jahren mit typischem Feldsteinpflaster und noch vollständiger Gebäudefront, Foto Privat

  Abb. 2 - Rohrstieg 2024, Foto Privat

 

Der Rohrstieg verläuft von der Kreuzung an der ehemaligen Gaststätte „Zum Braunen Hirsch" in Richtung Osten bis zum Kulk und geht dann in die Wernigeröder Straße über. Am Anfang ist er zum Leidwesen der Kraftfahrer die wohl engste Straßenpassage im Dorf. 

 

Es wäre aber irrig anzunehmen, dass die Straße ihren Namen nach vorhandenem Rohr hätte. Der Name wird meist mit dem Heilig-Blut-Wunder von Wasserleben in Verbindung gebracht.

In der Verlängerung endet der Rohrstieg auf der Matzhöh, heute noch im Volksmund so genannt, in der Nähe des Markwegs. Dieser war im Jahr 1231 wohl der Weg der Prozession, die die Hostie des Heilig-Blut-Wunders von Waterler über Husler nach Halberstadt in den Dom bringen sollte. 

In der „Neuen Wernigeröder Zeitung“ beschrieb es Helga Stelzner so: „Die heilige Hostie kam in einen goldenen Kelch und dann begab man sich wieder unter Gebeten und Gesängen gen Halberstadt. Der Weg führte von der Gemeindekirche St. Jakob (jetzt St. Sylvestri) durch das Dorf zunächst zur Kirche nach Husler. Husler war damals der größere Ort. Die Kirche von Husler war die Mutterkirche von Waterler. Der direkte Weg nach dort führte durch das Dorf über einen schmalen Weg (Stieg bzw. Steig) und einen Feldweg, der auch heute noch zum Husler-Feld führt (Markweg).

Unterwegs fing die Hostie an zu bluten, bis der goldene Kelch gefüllt war und überquoll. Das Blut färbte den Staub des Steiges rot. Danach nannte man den Weg „Roer Stiech“ (Roter Steig). Aus der heute verballthornten Bezeichnung Rohrstieg kann man nur mit Hintergrundwissen den Bezug zur Historie herstellen. Der Rohrstieg führt in gerader Linie vom alten Krugplatz zum Ölbach.“1)

 

Auch vom Rohrstieg konnte man früher eine Abkürzung, einen Katerstieg, benutzen, z.B. zur Bäckerei Hänsch, Im Winkel. Man ging über Hackelbergs Hof, 1970 abgerissen, durch den Garten über den Hof von Auguste Wesche und schon war man Im Winkel.

 

Aus dem Publikum kamen während des Vortrags am 12.04.2024 Hinweise von Rüdiger Berke und Ekkehard Ramme. Nach familiärer Überlieferung soll es auf Berkes Grundstück auf dem Kulk (Nr. 5) einen Teich gegeben haben, der vielleicht auch bis in den Garten von Odenbachs, direkt am Ölbeek, heranreichte. Dies könnte ein Indiz dafür sein, dass es nicht nur südlich vom Rohrstieg, heute Am Graben, eine größere sumpfige Stelle gegeben hat (siehe Kapitel Am Graben), sondern auch das Gebiet nördlich des Rohrstiegs versumpft war. Der Rohrstieg führte demnach durch ein Feuchtgebiet, das mit Schilf, bzw. Rohr bestanden war. 

 

Aufgrund dieses Hinweises ergeben sich nun mehrere Fragen.

Wie war der Rohrstieg befestigt, und wie hat dann der Übergang über den Ölbeek ausgesehen? War es eine tiefe Furt, bei der durch die Strömung des Baches immer die Gefahr der Auskolkung bestand? Hat man sehr früh eine erste Brücke errichtet, um trockenen Fußes zum Markweg und nach Husler zu kommen? 

Hier wäre auch zu fragen, welchen Weg die Prozession mit der Blutwunder-Hostie von der Kirche in Waterler nach Husler und wieder zurück eigentlich genommen hat? Verlief die Prozession über den Rohrstieg? Warum wurde nicht der offensichtlich direktere Weg über den Kulk und durch die Furt zum Markweg Richtung Husler genommen?

Eine mögliche Ursache dafür waren eventuell die vielen Auskolkungen entlang des Ölbeeks (siehe Kapitel Kulk), die eine ständige und gefahrlose Nutzung dieses Weges unmöglich gemacht haben könnten.


All das ist heute nicht mehr zu beantworten. Und damit bleibt der Ursprung des Namens Rohrstieg bis auf weiteres ungeklärt (siehe hierzu auch Kapitel Namensdeutungen von Verkehrswegen).


Literatur

1) Stelzner, Helga: „Vom Kloster zum Gutshof – Einblick in frühere Zeiten (1)“, in Neue Wernigeröder Zeitung 19/2001 

 

 

Namensdeutungen von Verkehrswegen

 

Viele der heute verwendeten oder zumindest noch bekannten Namen von Straßen, Wegen und Stegen sowie Plätzen erklären sich weitgehend von selbst wie etwa Backgasse, Friedhofstraße oder Pappelweg

        

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

- obwohl, letzterer ist seit dem 20.02.2024 leider gänzlich ohne Pappeln. In den 1920er/1930er Jahren bot sich hier ein ganz anderer Anblick. 

 

 

Mehr oder weniger unstrittige Namensdeutungen sind:

 

Anger - Grasland, Weidetrift12), im Ort oder in Ortsnähe gelegen und ursprünglich in Gemeinde- oder Gemeineigentum stehend; 

 

Beek - plattdeutsch für Bach;

 

Kamp - im Niederdeutschen bezeichnet Kamp ein eingehegtes Stück Land13), umzäunte Wiesen wurden beispielsweise häufig 

als Pferdeweiden genutzt;

 

Klint - Fels, Klippe auch Abhang14) (siehe hierzu auch Kapitel Klint);

 

Knick - Hecke oder Wallhecke als Einfriedung von Feldern oder als Befestigung einer Landwehr15);

 

Kulk - von Kolk, niederdeutsch für ein von Wasser ausgespültes Erdloch16) (siehe hierzu auch Kapitel Kulk);

 

Markweg - Grenzweg17), allerdings führt der hiesige Markweg nicht an einer Grenze entlang, daher könnte damit auch der Weg 

zur Grenze der Feldmark von Wasserleben gemeint sein; solche Grenzen waren markiert, etwa „...durch angestrichene pfähle, gebrannte und daher theilweise geschwärzte bäume u. dergl.“18);

 

Triftweg - nach Plattdeutsch drieben, trieben (2. Pers. singular du driffst), für treiben19), ein Weg, auf dem das Vieh auf die Felder 

und in den Wald getrieben wurde;

 

Wittenberg - Weißenberge, der Begriff, der ja bereits im Kirchenbuch von 1784 (siehe oben) gebraucht wurde, ist als Übersetzung 

naheliegend und würde eben einen weißen Berg bezeichnen (siehe hierzu auch Kapitel Wittenberg), allerdings wäre auch eine Verbindung zum Verb witten im Sinne von sich mit Holz versehen20) möglich, dann könnte hier ein früherer Holzberg gemeint sein;

 

Zillyer Weg - ältere Verbindung nach Zilly, heute teilweise umgepflügt.

 

 

Strittige oder fragliche Namenserklärungen gibt es allerdings auch.

 

Auf der Kapelle - kleine Stichstraße, in der der ursprüngliche Standort der Heiligblutkapelle vermutet wird. 

Da sich die Kapelle jedoch in unmittelbarer Nähe der Kirche befunden haben soll21), ist dieser Standort fraglich. 

Vielleicht ist folgende Überlegung nicht ganz abwegig: als die Kapelle einstürzte, gehörte sie wie das gesamte Kloster bereits dem Grafen von Stolberg. Später wird ein Kuhhirtenhaus (Nr. 180, heute Kleine Dorfstraße 8) erwähnt, das als Gemeindehaus öffentliches, oder besser, gräfliches Eigentum war. Gut möglich, dass die Gemeinde irgendwann die

 Erlaubnis erhielt, auf dem Grundstück der ehemaligen Kapelle ihr Kuhhirtenhaus zu errichten. 

Auf der Kapelle wäre dann also als Name eines Weges oberhalb der Kapelle zu verstehen.

 

Krähenhöfen - für diese kurze Verbindung fehlt in Wasserleben eine Erklärung. 

Vielleicht ist alles so einfach wie in Cuxhaven. Hier wird eine Ortslage Krähenhof genannt, wo ehemals einige Gehöfte standen, die von zahlreichen Eschen umgeben waren, und auf diesen Bäumen nisteten eben viele Krähen22)

 

Lösselweg - die Lössel soll ein kleiner Abfluss der Ilse zwischen Veckenstedt und Wasserleben sein, der in den Schauener 

Ochsenbach mündet23); heute wird dieser Bach Rotebeek genannt, und der Begriff Lössel haftet nur noch an einer ehemaligen Mergelkuhle am Abzweig des Weges vom Neuen Weg nach Schauenteichen. Das Deutsche Wörterbuch definiert Löse als Abzugs- oder Abwassergraben24).


Rohrstieg - auf ihm soll nach dem Blutwunder die Hostie aus Wasserleben heraus nach Husler und dann nach Halberstadt 

gebracht worden sein; Rohrstieg würde sich demzufolge von roter also blutiger Stieg ableiten (siehe hierzu auch Kapitel Rohrstieg).

Zwei Überlegungen sprechen dagegen. Einmal ist es eher unwahrscheinlich, dass sich ein Name aufgrund eines kurzen einmaligen Ereignisses bildete. Und zum anderen wäre das Adjektiv rot als Bestimmungswort für einen Namen einer Verkehrsverbindung ungewöhnlich (siehe oben Kapitel Namen von Verkehrswegen).

Zudem dürfte im 13. Jahrhundert der Bischof sicherlich mit der Kutsche gefahren sein, um den blutenden

Abendmahlskelch nach Halberstadt zu holen. Der Film „Der Name der Rose“ gibt eine Ahnung davon mit welchen groben und klobigen Kutschen die Geistlichkeit in dieser Zeit unterwegs war. Um einen Unfall zu vermeiden fuhr man zweifellos eher auf breiteren Straßen oder Wegen als auf einem engen sumpfigen Steg.

 

Wahrscheinlich deutet der Name auf den Aufbau der Verkehrsverbindung hin. Ursprünglich könnte sie mit Ruten befestigt gewesen sein; Rute heißt im Plattdeutschen Rau, im Neuniederdeutschen Roe25), würde somit auch sprachlich passen. Solche Faschinenwege, wie man sie später nannte, führten meist durch feuchtes Gelände und waren mit Reisig- oder Rutenbündeln26), eben den Faschinen, befestigt. 

Nebenstehende Abbildung zeigt eine etwas zerfledderte Befestigung eines Forstweges mit Faschinen, daneben der Hund Max.

  

 

Schouwenschen Strate - Schauensche Straße, später Schauenscher Weg, heute Teil der Hauptstraße zwischen 

der Brücke über den Mühlgraben an der alten Feuerwehr und dem Rohrstieg. Vermutlich haben sich hier Einwohner aus Südschauen angesiedelt, die in der Wüstungsperiode ihren Ort verlassen haben. Die Deutung als Feldweg nach Südschauen27), der gleichzeitig zum Schauentor geführt haben soll28), ist nicht schlüssig.

 

Namensdeutungen von Orten im Dorf


Eduard Meyer hat 1957 in der Heise Chronik Ortsnamen zusammengestellt, die damals schon in Vergessenheit zu geraten drohten. Da Heises Schrift gut zu lesen ist, wird die Sammlung hier in Kopie präsentiert.

Wasserleber Ortsbezeichnungen Heise Chronik-0001
Wasserleber Ortsbezeichnungen Heise Chronik-0002
Wasserleber Ortsbezeichnungen Heise Chronik-0003
Wasserleber Ortsbezeichnungen Heise Chronik-0004
Wasserleber Ortsbezeichnungen Heise Chronik-0005

H.-G. Krasberg u. Archiv des Heimatvereins 2022 - 2024


Quellen und Literatur

1) Flechsig, Werner: Wegenamen im Harz und seinem nördlichen Vorland, in: Harz-Zeitschrift für den Harz-Verein, 14. Jahrgang, 1962, S. 137

2) Grosse, Walther: Geschichte der Stadt und Grafschaft Wernigerode in ihren Forst-, Flur- und Straßennamen, Wernigerode, 1929, S. 124

3) Grosse, Walther: Geschichte der Stadt und Grafschaft Wernigerode in ihren Forst-, Flur- und Straßennamen, Wernigerode, 1929, S. 104

4) Grosse, Walther: Geschichte der Stadt und Grafschaft Wernigerode in ihren Forst-, Flur- und Straßennamen, Wernigerode, 1929, S. 101 

5) Landesarchiv Sachsen-Anhalt, MD, HA B 30, Fach 2, Nr. 7, Contributionsliste, Blatt 40r

6) Landesarchiv Sachsen-Anhalt, MD, HA B 94, Fach 4, Nr. 5, Profession in Loco 1698

7) Kirchenbuch der ev. Kirchengemeinde St. Sylvestri Wasserleben, Band 1: Taufen, Heiraten, Beerdigungen, 1702-1749 u. Kirchenbuch der ev. Kirchengemeinde St. Sylvestri Wasserleben, Band 4: Taufen, 1750-1798, Heiraten, Beerdigungen, 1750-1803

8) Landesarchiv Sachsen-Anhalt, MD, H 9-2, 60, Fach 8, Nr. 5, Bevölkerungsetat 1809

9) Adreß-Buch von Osterwieck/Harz und den umliegenden Ortschaften, Ausgabe 1905/1906, Osterwieck/Harz, o.J.

10) Adreß-Buch von Osterwieck/Harz und den umliegenden Ortschaften, Ausgabe 1912, Osterwieck/Harz, o.J.

11) Gesetzblatt der Deutschen Demokratischen Republik, 1970, Teil I, Nr. 10

12) DWB Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm – Online Version, Stichwort Anger, Herausgeber: Universität Trier - Trier Center for Digital Humanities (TCDH) · Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften Berlin, http://dwb.uni-trier.de/de (Zugriff am 31.01.2024)

13) ebd., Stichwort Kamp

14) ebd., Stichwort Klint

15) ebd., Stichwort Knick

16) ebd., Stichwort Kolk

17) Grosse, Walther: Geschichte der Stadt und Grafschaft Wernigerode in ihren Forst-, Flur- und Straßennamen, Wernigerode, 1929, S. 104

18) DWB Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm – Online Version, Stichwort Mark, Herausgeber: Universität Trier - Trier Center for Digital Humanities (TCDH) · Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften Berlin, http://dwb.uni-trier.de/de (Zugriff am 31.01.2024)

19) ebd., Stichwort Trift u. Grosse, Walther: Geschichte der Stadt und Grafschaft Wernigerode in ihren Forst-, Flur- und Straßennamen, Wernigerode, 1929, S. 141 

20) DWB Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm – Online Version, Stchwort witten, Herausgeber: Universität Trier - Trier Center for Digital Humanities (TCDH) · Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften Berlin, http://dwb.uni-trier.de/de (Zugriff am 31.01.2024)

21) Heise, Wilhelm: Chronik des Dorfes Wasserleben, handschriftlich, unveröffentlicht, 4 Bde., Wasserleben, 1964, Bd. 1, S. 116

22) Stadtwiki Cuxhaven, Stichwort „Krähenhof“, Hrsg.: Mester, Hartmut, https://cuxpedia.de/index.php?title=Kr%C3%A4henhof (Zugriff am 09.04.2024)

23) Grosse, Walther: Geschichte der Stadt und Grafschaft Wernigerode in ihren Forst-, Flur- und Straßennamen, Wernigerode, 1929, S.101 

24) DWB Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Stichwort Löse – Online Version, Herausgeber: Universität Trier - Trier Center for Digital Humanities (TCDH) · Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften Berlin, http://dwb.uni-trier.de/de (Zugriff am 21.02.2024)

25) ebd., Stichwort Ruthe

26) Seite „Faschine“, in: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie, Bearbeitungsstand: 04. April 2024, URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Faschine (Zugriff am 03.04.2024) 

27) Grosse, Walther: Geschichte der Stadt und Grafschaft Wernigerode in ihren Forst-, Flur- und Straßennamen, Wernigerode, 1929, S. 124

28) Heise, Wilhelm: Chronik des Dorfes Wasserleben, handschriftlich, unveröffentlicht, 4 Bde., Wasserleben, 1964, Bd. 1, S. 49