Dorfkirche St. Sylvestri
Bei Recherchen zum Alter der Dorfkirche St. Sylvestri wurde ein altes, bisher unbekanntes Foto gefunden, das wohl gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufgenommen worden ist.

Während das Dach, rechts mit Schornstein, und der Kirchturm noch nicht neu eingedeckt sind, scheint der Verputz des Mauerwerks in tadellosem Zustand zu sein.

Heute ist zwar oben alles neu, aber der Verputz bröckelt.
Doch gerade wegen des bröckelnden Verputzes werden nun Indizien sichtbar, die auf das Alter und den Werdegang der Dorfkirche sowie auf Baumaßnahmen schließen lassen.
Alter
Hin und wieder wird die Entstehung der Dorfkirche St. Sylvestri mit der Ersterwähnung Wasserlebens verknüpft.
Zwar stammt die älteste Quelle, in der der Name „Waterlieren“ auftaucht, aus dem Jahr 1187, aber ein Bezug zu einer Kirche fehlt darin.
Und bisher sind keine schriftlichen Quellen, die über Alter und Entstehung der Kirche Auskunft geben, bekannt.
Aber: 785 unterwarf sich Widukind, der Anführer der Sachsen, Karl dem Großen und ließ sich mit seinen Getreuen taufen. Nach weiten erfolglosen Aufständen, die vor allem von der bäuerlichen Bevölkerung ausgingen, begann 804 die allgemeine Christianisierung der Sachsen.
Die Christianisierung manifestierte sich nach Außen hin durch den Bau von Kirchen an allen Orten. Oft auf heidnischen Kultstätten errichtet, symbolisierten sie einerseits die siegreiche neue Religion, andererseits aber auch die Zugehörigkeit des Ortes zum christlichen Fränkischen Reich.
Daraus folgt: zwischen 804 und 1187 dürfte in Wasserleben eine Kirche entstanden sein.
Leider wird in den diversen Beschreibungen der Kirche und ihrer Ausstattung ihr Alter und ihr Werdegang kaum angesprochen.
Jakobs, der sich am intensivsten mit der frühen Geschichte Wasserlebens beschäftigt hat, erwähnt nur kurz die kirchenrechtlichen Verhältnisse, wonach die Wasserleber Kirche, damals noch dem Heiligen Jakobus d. Älteren geweiht, eine Filiale der Kirche in Husler war, ordnet diese Beziehung zeitlich allerdings nicht ein1).
Dagegen legt er sich bei beim Alter der Heiligblutkapelle fest, sie soll zwischen 1288 und Dezember 1292 geweiht worden sein2). Da aber die ersten auf das Blut- oder Hostienwunder zurückgehenden Ablassbriefe auf die Dorfkirche ausgestellt worden waren3), muss eine solche vor 1288 bereits bestanden haben.
Das Blut- oder Hostienwunder, bei dem eine ausgeteilte Hostien nicht verzehrt sondern nach dem Abendmahl mitgenommen wurde und dann angefangen haben soll zu bluten, datiert Jacobs in die Zeit des Bischofs Friedrich von Halberstadt, der sein Amt von 1209 bis 1236 ausübte4). Weil Abendmahlsfeiern üblicherweise in Kirchen stattfinden, war zweifellos zu Zeiten des Bischofs Friedrich eine Kirche in Wasserleben vorhanden.
Schwineköper referiert im Handbuch der historischen Stätten Deutschlands im wesentlichen die Aussagen von Jacobs5).
In seiner Beschreibung der Kunstdenkmäler der Grafschaft Wernigerode greift Sommer ebenfalls auf Jacobs’ Forschungsergebnisse zurück, legt sich aber beim Datum des Hostien- oder Blutwunders fest: es war zu Pfingsten 12286).
Ganz anders im Dehio, im Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler7); hier wird die Entstehung der Dorfkirche eng mit der des Nonnenklosters um das Jahr 1300 verknüpft.
Diese Aussage ist genauso fragwürdig, wie der sich nur wenig später findende Hinweis auf die Zerstörung der Kirche durch einen Brand.
Zwar ist die Entwicklung der Dorfkirche und des Nonnenklosters zweifellos miteinander verbunden, aber eben nicht ihre Entstehung. Und 1702 brannte tatsächlich fast das halbe Dorf nieder, aber das Areal um Kirche und Kloster blieb von der Katastrophe weitgehend verschont, nur die Schule und auf dem Pfarrhof die Scheune mit den Ställen wurden ein Raub der Flammen8).
Es bleibt also festzuhalten: zwischen 804 und 1187 dürfte in Wasserleben eine Kirche entstanden sein. Spätestens zwischen 1209 und 1236, vielleicht exakt 1228, gab es eine dem Heiligen Jakobus d. Älteren geweihte Kirche im Dorf.
Werdegang
Wie hat diese Kirche nun ausgesehen? Ist das heutige Gebäude diese alte Kirche, ober gab es einen Vorgängerbau?
Jakobs hatte schon vor längerer Zeit auf die Maßwerkfenster in der Vorhalle der Kirche hingewiesen, daran aber keine weiteren Schlussfolgerungen hinsichtlich des Alters der Kirche geknüpft9).
Ebenso wird in einem Protokoll über den Bauzustand der Kirche 1973 lediglich das Vorhandensein solcher Fenster beschrieben: „Auf der Südseite, neben dem Turmanschluß, Eingangsvorbau zu den Emporen (got[ische] Maßwerkfenster, nur von innen sichtbar).“10)
In der Erläuterung zu einem Sanierungsantrag stellte 2002 ein Architekturbüro, leider ohne Quellenangabe oder weitere Erläuterung, fest: „Die Kirche wurde vermutlich Ende des 11. Jh. errichtet.“12)
Möglicherweise stützt sich diese Erläuterung auf das Feldsteinmauerwerk von Vorhalle und Kirche. Diese Bauweise taucht in Norddeutschland ab dem 12. Jahrhundert in der Zeit der Spätromanik auf13).
Feldsteinmauerwerk und Maßwerkfenster stützen also die Annahme, dass die Kirche St. Jakobus, zumindest die Vorhalle, im 13. Jahrhundert, möglicherweise schon zwischen 1209 und 1236, in gotischem Stil entstand oder damals ein Vorgängerbau entsprechend umgebaut wurde.
Es gilt somit: zwischen 804 und 1187 dürfte in Wasserleben eine Kirche entstanden sein. Spätestens zwischen 1209 und 1236, vielleicht exakt 1228, gab es eine dem Heiligen Jakobus d. Älteren geweihte Kirche im Dorf. Mauerwerk und Fenster der Vorhalle lassen vermuten, dass hier im 13. Jahrhundert Um- oder Neubaumaßnahmen stattgefunden haben.
Zum Schluß: unklar bleibt, inwiefern Überlegungen zur Gründung des Nonnenklosters den Kirchenneu- oder -umbau beeinflusst haben. Tatsächlich gibt es große Übereinstimmung zwischen der Bauausführung der Außenmauern von Kirche, Kirchturm und Vorhalle mit der vermutlichen Außenmauer des ehemaligen Klosters an der Dorfstraße ...
Und ebenso unklar bleibt das Aussehen eines Vorgängerbaus, der vor der Zeit des Blut- oder Hostienwunders als Filialkirche der Dorfkirche von Husler bezeichnet wurde.
War dieser Bau mit Holz, Lehm und Schilf errichtet, oder doch gleich in Feldsteinen ausgeführt worden?
Baumaßnahmen
Die gotische Vorhalle blieb von baulichen Eingriffen nicht verschont, wie vor allem das dreigliedrige Rechteckfenster auf der Südseite beweist. Es ersetzt ein älteres Fenster, dessen Unterkante gut fünfzig Zentimeter weiter unten in das Mauerwerk eingelassen worden war; etwa in Höhe der Unterkanten der oberen Fenster in der östlichen und westlichen Wand. Ebenfalls mit Ziegelsteinen wurde dann die für das neue Fenster zu große Öffnung unten zugemauert.
Natürlich lässt sich heute nicht mehr sagen, ob es sich bei dem ursprünglichen Fenster um ein gotisches Maßwerkfenster gehandelt hat, möglich wäre es aber allemal.
Während die Vorhalle auch heute noch deutlich als mittelalterliches Bauwerk zu erkennen ist, wurde das eigentliche Kirchenschiff spätestens Anfang des 18. Jahrhunderts stark überbaut.
Darauf weist eine Beschreibung des Dorfes aus dem Jahr 1716 hin. Sie kam zutage, als 1974 anlässlich einer Sanierung der Kirche der Turmknopf abgenommen wurde, um die darin befindlichen Dokumente und Gegenstände zu sichten.
Die genannte Beschreibung liegt leider nicht im Original vor, aber die Transkription, angefertigt vom Theologen und Wernigeröder Heimatforscher Georg von Gynz-Rekowski, hat sich erhalten14).
zur Transkription von v.Gynz-Rekowski
Demnach wurde die Dorfkirche 1716 der Heiligen Dreifaltigkeit neu geweiht, nachdem sie vorher renoviert worden war. Die Baumaßnahmen waren erforderlich geworden, weil das alte Gebäude „vor die zahlbare [zahlreiche] Gemeinde viel zu klein … auch wegen Alterthum und Baufälligkeit … hat eingenommen werden müßen.“15)
Von den damaligen Baumaßnahmen zeugen heute noch die Ziegelsteine, mit denen die großen Fenster in die alte Bruchsteinmauer an der Südseite des Kirchenschiff eingepasst wurden.
![]() | An der Nordseite scheint man keine Fenster und Türen nachträglich verändert zu haben.
Die Außentreppe zur Empore verläuft seitdem vor der zugemauerten Kreuzwegöffnung. | ![]() |
Laut der Beschreibung aus den Turmknopf diente die Kirche ab den 1590er Jahren „...der dahmaligen Lutherischen Gemeinde zu ihrer Christlichen Unterrichtung…“16). Diese Angabe wird durch eine Nachricht gestützt, die besagt, dass Pastor Johann Hasenbaß, gestorben 1587, als erster evangelischer Geistlicher in der Kirche beigesetzt wurde17).
Die katholischen Klosterkirche war also zu dieser Zeit eine evangelische Gemeindekirche geworden.
Der Name Dreifaltigkeitskirche hat sich nicht gehalten, heute heißt sie St. Sylvestri.
Über eine weitere Sanierungsmaßnahme 1989 hat Helmut Beusing einen Bericht verfasst.
Inneneinrichtung
Wer sich für das Innere der Kirche interessiert ist eingeladen, sich mit Heise auf eine Besichtigung von Kirchturm und Kirchenschiff zu machen. Ein wenig Zeit ist vonnöten, aber es lohnt sich, denn er hat seine Begehungen in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts detailgenau und dabei äußerst lebendig beschrieben.
Für Eilige hier einige Stichwörter:
Im Gegensatz zur Friedhofskirche ist die Dorfkirche im Innenraum eher schlicht.
Vielleicht ist er bereits früh, evtl. schon im Zuge der Reformation, ausgeräumt worden, allerdings fehlen dafür Belege.
Unübersehbar sind die barocken Stilelemente an Altar, Kanzel und Orgel sowie an der Loge. Dabei ist die Formensprache des Altars der des Altars in der Friedhofskirche durchaus ähnlich.
| Über dem Altar | ![]() | wacht ... |
| ... das Auge der Vorsehung im Dreieck der Dreifaltigkeit. Darüber steht das Lamm Christi. | ![]() |
| Aus vorreformatorischer Zeit stammen die Altar- und ... | |
... Wandbilder, letztere um 1490 entstanden (Geißelung Christi und Kreuzschleppung Christi). Die Rückseiten der Wandbilder sind ebenfalls bemalt.
H.-G. Krasberg 2026
Quellen und Literatur
1) Bergner, Heinrich u. Eduard Jacobs: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Kreises Grafschaft Wernigerode, 2. Bearb., Halle/Saale, 1913, S. 140f
2) ebd., S. 143
3) Jacobs, Eduard: Urkundenbuch der Deutschordens-Commende Langeln und der Klöster Himmelpforten und Waterler in der Grafschaft Wernigerode, Halle/Saale, 1882, S. 232f
4) Bergner,Heinrich u. Eduard Jacobs: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Kreises Grafschaft Wernigerode, 2. Bearb., Halle/Saale, 1913, S. 142
5) Schwineköper, Berent (Hrsg.): Handbuch der historischen Stätten Deutschlands, Bd. 11, Provinz Sachsen Anhalt, 2. Aufl., Stuttgart, 1975, S. 484f
6) Sommer, Gustav: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler der Grafschaft Wernigerode, Halle/Saale, 1883, S. 75
7) DEHIO digital Deutschland, https://de.dehio.org/search?term=WASSERLEBEN%20%2F%20Ev.%20Kirche%20St.%20Sylvestri (Zugriff am 28.07.2025)
8) Landesarchiv Sachsen-Anhalt, MD, HAB 49, Fach 1, Nr. 9, Collecte für Abgebrannte 1702
9) Vermerk: Betr.: Sylvestrikirche in Wasserleben, Kkr. Wernigerode, 04.01.1973, maschinenschriftlich, unveröffentlicht, Archiv des Landeskirchenamtes der EKM, Magdeburg, ohne Signatur
10) Bergner, Heinrich u. Eduard Jacobs: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler
des Kreises Grafschaft Wernigerode, 2. Bearb., Halle/Saale, 1913, S. 148
11) Koch, Wilfried: Baustilkunde, München, 1994, S. 146ff, 163
12) Erläuterungen des Planungsrings Architekten + Ingenieure GmbH, Wernigerode, zur Sanierung der Dorfkirche Wasserleben, 2003, maschinenschriftlich, unveröffentlicht, Archiv des Landeskirchenamtes der EKM, Magdeburg, ohne Signatur
13) Feldstein https://de.wikipedia.org/wiki/Feldstein_(Baumaterial), Zugriff am 05.02.2026
14) v.Gynz-Rekowski, Georg: Nachrichten aus Wasserleben niedergelegt im Turmkopf der Dreifaltigkeits-
Kirche am 20. August 1716, maschinenschriftlich, unveröffentlicht, Wernigerode, 1977
15) ebd., S. 23
16) ebd.
17) Kirchenbuch der ev. Kirchengemeinde St. Sylvestri Wasserleben, Band 3: Chronik u. Taufe 1702-1749, Zweitschrift











































