Kollektivierung der Landwirtschaft
Um die Entwicklung der Landwirtschaft in Wasserleben besser verstehen zu können, sollen hier kurz die beiden DDR-weiten Kollektivierungswellen dargestellt werden1).
„Vom Ich zum Wir“ - Erste Kollektivierungswelle 1952/53
Der Startschuss für die erste Kollektivierungswelle in der DDR-Landwirtschaft fiel in Moskau.
Als Anfang der 1950er Jahre eine Ausdehnung des sowjetischen Machtbereichs nach Westen immer unwahrscheinlicher wurde, forderte Stalin die SED-Führung zum „Aufbau der Grundlagen des Sozialismus“ in der DDR auf.
Man weiß heute, wie das ausging, am 17. Juni 1953 rollten die Sowjetpanzer.
Im Juli 1952, auf der II. Parteikonferenz der SED, wurde die Kollektivierung zum Staatsziel erhoben und schon wenige Wochen später bildeten sich „spontan“ und „freiwillig“ die ersten LPG. Zwar hielt sich die Partei dabei im Hintergrund, doch von dort inszenierte sie die „Spontanität“ und „Freiwilligkeit.
Dabei ist unbestreitbar, dass es in den Dörfern durchaus Befürworter genossenschaftlicher Arbeitsweisen gab. Besonders viele Neubauern, die kaum ihr Auskommen hatten, sahen im Eintritt in eine LPG einen Ausweg aus ihrer Misere. Zumal sie als Mitglieder auch für ihren Privathaushalt umfangreiche Vergünstigungen erhielten (z.B. Steuer- und Abgabenermäßigungen)2). Schon bald existierten mehr als 900 LPG, die aber alle über unzureichende technische Ausrüstungen verfügten und nur kleine Flächen bewirtschafteten. | ![]() |
Da sich abzeichnete, dass die ökonomisch erfolgreichen Einzelbauern kaum bereit waren den wenig produktiven LPG beizutreten, verschärfte die SED im August 1952 den Druck.
Sie schaltete sich jetzt aktiv in die Kollektivierungsmaßnahmen ein und mobilisierte das MfS, die Volkspolizei (ABV) und die Justiz. Widerstrebende wurden nun wegen Nichtigkeiten inhaftiert, Höfe enteignet und in den Dörfern Schauprozesse abgehalten, zudem erhöhten sich die Abgabepflichten für die Einzelbauern.
Innerhalb von fünf Wochen verloren ab Februar 1953 ca. 6.500 Bauern ihren Betrieb und mussten ihre Höfe verlassen. Nicht verwunderlich, dass in der gleichen Zeit 5.600 Bauernfamilien in den Westen flohen.
Die DDR-Landwirtschaft hatte, wie nach der Bodenreform, wieder mit massiven Produktionseinbußen zu kämpfen.
Ernst Meyer berichtet in der Heise-Chronik, wie es der im Februar 1953 gegründeten und schon im Juni aufgelösten ersten LPG in Wasserleben erging.
![]() | Nachdem Stalin am 05.03.1953 gestorben war, änderte die neue sowjetische Führung ihren Kurs und forderte im Mai ein Ende der Kollektivierungsmaßnahmen und eine Auflösung der gewaltsam erzwungenen LPG.
Aber gestützt auf die sowjetischen Panzer blieb die SED letztlich an der Macht. Die Kollektivierungsmaßnahmen wurden allerdings vorerst zurückgefahren. |
Zwischen der ersten und zweiten Kollektivierungswelle 1954 bis 1958
Unter dem Eindruck der Krise um den 17. Juni 1953 schlug die SED einen neuen Wirtschaftskurs, den s.g. „Neuen Kurs“, ein, ohne aber vom Ziel des Aufbaus des Sozialismus abzurücken.
Speziell im Bereich der Landwirtschaft beschloss die Partei Maßnahmen, die die genossenschaftlichen Betriebe aber auch die Einzelbauern entlasten sollten. So waren z.B. Hausschlachtungen wieder möglich, auch wurden Pflichtablieferungen gesenkt und Kreditvergaben erleichtert.
Natürlich wurden die Pflichtabgaben genau kontrolliert.
![]() | |
In diesem Zusammenhang sind die von Ernst Meyer für das Jahr 1956 zusammengestellten gültigen Abgabennormen und die festgelegten Preise von landwirtschaftlichen Erzeugnissen und Lebensmitteln interessant.
Ferner sollten geflüchtete Bauern bei Rückkehr in die DDR ihre enteigneten Höfe zurückbekommen. Kaum einer machte allerdings von diesem Angebot Gebrauch.
![]() | Andererseits rief die SED dazu auf, weiterhin das „Bündnis zwischen der Arbeiterklasse und den werktätigen Bauern“ zu stärken, mit anderen Worten, die Kollektivierung nicht aus den Augen zu verlieren3). Alle Diskussionen über Alternativen zur Vollkollektivierung, die in dieser Zeit geführt wurden, würgten die orthodoxen Parteikader um Ulbricht am Ende rigoros ab. |
Ein knappes Drittel der Landwirtschaftsbetriebe in der DDR waren bis Mitte 1953 in LPG eingegliedert worden, und bis zum Beginn des „sozialistischen Frühlings auf dem Lande“ 1959/60 folgte ein weiteres Drittel. Allerdings verdoppelte sich im gleichen Zeitraum die brachliegende landwirtschaftliche Nutzfläche auf gut eine Million Hektar4) (etwa 15 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche der DDR5)), da die verlassenen Höfe wegen fehlender Arbeitskräfte nicht bewirtschaftet werden konnten. Auch bei auslaufenden Pachtverträgen fanden sich häufig keine neuen Pächter.
In der Heise-Chronik befinden sich etliche Berichte und Meldungen aus dieser Zeit. Manchmal sind sie schwer zu lesen, aber die Mühe lohnt. Vergleicht man die Dorfbeschreibungen miteinander, kann man die eingetretenen Veränderungen erkennen.
| zu den Berichten und Meldungen | zu den Dorfbeschreibungen |
Zweite Kollektivierungswelle 1959/60 - „Sozialistischer Frühling auf dem Lande"
Zur Jahreswende 1959/60 setzte die zweite Kollektivierungswelle ein. Diesmal ging die Initiative nicht von Moskau sondern von Berlin aus. Nach dem Scheitern der Aufstände in der DDR (1953), in Polen und in Ungarn (1956) begann im Ostblock eine Konsolidierungsphase, und ganz allmählich verbesserten sich die Lebensverhältnisse. Als die Sowjetunion dann Ende der 1950er Jahre die USA in der Raumfahrt überflügelte, herrschte dort und in den Bruderstaaten eine gewisse Euphorie vor, zumindest unter den jeweiligen Parteigenossen.
In der DDR wurde der Systemwettstreit mit der BRD ausgerufen, später sprach Ulbricht in diesem Zusammenhang vom Überholen ohne Einzuholen.
Da die SED an ihrer Überzeugung festhielt, dass nur eine sozialistische Landwirtschaft Produktionssteigerungen garantiert, und sich die Partei gleichzeitig vor den anderen kommunistischen und Arbeiterparteien profilieren musste, startete sie Ende 1959 die zweite Kollektivierungskampagne. | ![]() |
![]() | Zwei Zeitungsartikel, vermutlich aus der Volksstimme, berichten über die entsprechenden Vorgänge in Wasserleben. |
Das Ziel, alle noch verbliebenen 400.000 Einzelbauern in die LPG zu treiben, wurde mit aller Härte und Kompromisslosigkeit verfolgt.
Mitglieder von Werbebrigaden drangen gewaltsam in die Wohnhäuser ein, überall erschallte aus auf Fahrzeugen installierten Lautsprechern Propaganda, wenn es sein musste tagelang, Ablieferungspflichten erhöhte man grundlos und stellte die Säumigen an den Pranger, Fahrerlaubnisse oder Zulassungsbescheinigungen für landwirtschaftliche Maschinen wurden eingezogen6), Richter und Staatsanwälte drohten mit drakonischen Strafen oder veranlassten gar willkürliche Verhaftungen.
Eine Beschwerdeinstanz für die Drangsalierten existierte nicht.
Nach drei Monaten konnte Ulbricht im März 1960 den erfolgreichen Abschluss der Aktion melden.
Zwar waren im Kreis Wernigerode noch nicht alle Orte vollgenossenschaftlich, aber an das ZK der SED wurde für den Bezirk Magdeburg bereits Vollzug gemeldet.
Doch die landwirtschaftliche Produktivität war in dieser unruhigen Zeit wieder einmal gesunken und hatte eine Versorgungskrise ausgelöst, worüber auch die Volksstimme berichtete. Die u.a. daraus resultierende massenhafte Republikflucht entwickelte sich schnell zu einem existenziellen Problem von Partei und Staat; allein 10.000 in der Landwirtschaft Beschäftigte flohen 1960, im ersten Quartal 1961 waren es noch einmal 2.500.
Erzwungene Ruhe kehrte auf dem Land erst nach dem Mauerbau am 13.08.1961 ein.
Als es dann langsam bergauf ging, verringerte die Partei allmählich ihren Druck auf die Lenkungsgremien der örtlichen Landwirtschaftsbetriebe.
Und umso erfolgreicher konnten nun die Fachleute in den LPG den Produktionsalltag gestalten, der Agrarsektor entwickelte sich mit der Zeit zu einem der profitabelsten Wirtschaftszweige der DDR. Die Produktivität der westdeutschen Landwirtschaft wurde allerdings nicht erreicht.
Wiederum informieren über diese Entwicklung einige Zeitungsartikel, die in der Heise-Chronik gesammelt worden sind.
| 1959 | 1960 |
Den Schlusspunkt der Kampagne bilden die fünf Bauernregeln, in denen Ulbricht die Deutungshoheit der Arbeiterklasse über die Kollektivierung der Landwirtschaft ausdrücklich beansprucht und hohe Erwartungen an die Genossenschaftsbauern beim Aufbau des Sozialismus stellt .
Quellen und Literatur
1) wenn nichts anderes vermerkt bezieht sich der Artikel auf: Schöne, Jens: Die Kollektivierung der DDR-Landwirtschaft in: Beleites, Michael, Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringsdorf, Robert Grünbaum (Hrsg.): Klassenkampf gegen die Bauern. Die Zwangskollektivierung der ostdeutschen Landwirtschaft und ihre Folgen bis heute, Berlin, 2010, S. 21-30
2) Schöne, Jens: Frühling auf dem Lande?, Die Kollektivierung der DDR-Landwirtschaft, 3. durchgesehen Aufl., Berlin, 2010, S. 106
3) ebd., S. 419
4) ebd., S. 173
5) Staatliche Zentralverwaltung für Statistik (Hrsg.): Statistisches Jahrbuch der Deutschen Demokratischen Republik 1960/61, 6. Jahrgang, Berlin, 1961, S. 419
6) Werkentin, Falco: Klassenkampf auf dem Land in: Beleites,Michael, Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringsdorf, Robert Grünbaum (Hrsg.): Klassenkampf gegen die Bauern. Die Zwangskollektivierung der ostdeutschen Landwirtschaft und ihre Folgen bis heute, Berlin, 2010, S. 57
















